Schweiz–China: Das neue Freihandelsabkommen aus Schweizer Sicht – Grosse Chance, aber kein Selbstläufer

99,8 Prozent der Schweizer Warenexporte sollen künftig zollfrei nach China gelangen. Diese Zahl allein zeigt, warum das optimierte Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China für exportorientierte Unternehmen von grosser Bedeutung ist.

Am 20. August 2026 haben beide Länder bemerkenswert schnell und nach nur fünf Runden, seit September 2024, die Verhandlungen abgeschlossen. Bis das Abkommen in Kraft tritt, stehen noch die rechtliche Prüfung, die Unterzeichnung und die innenpolitischen Genehmigungsverfahren aus. Für Sie als Unternehmerin oder Unternehmer stellt sich aber bereits jetzt die Frage: Was ändert sich konkret und wo liegen die Chancen und Risiken?

 

Deutlich besserer Marktzugang

Das ursprüngliche Abkommen mit der Schweiz von 2013/2014 war ein bemerkenswerter Meilenstein: China schloss damit erstmals ein Freihandelsabkommen mit einem kontinentaleuropäischen Land. Seither hat sich der Welthandel verändert, denn digitale Geschäftsmodelle, Dienstleistungen, Investitionen und regulatorische Anforderungen sind heute mindestens so wichtig wie Zölle.

Der grösste unmittelbare Effekt der Optimierung bleibt dennoch der Warenhandel: Statt bisher rund 54 Prozent sollen künftig 99,8 Prozent der Schweizer Exporte zollfrei nach China gelangen. 77,5 Prozent davon werden bereits mit Inkrafttreten real greifbar. Für den Rest gelten Übergangsfristen von fünf bis zehn Jahren. Das Einsparpotenzial zum bisherigen Abkommen wird zusätzliche auf rund 244 Millionen Franken jährlich geschätzt.

Besonders profitieren dürften dabei Unternehmen aus den Branchen Pharma, Maschinenbau, Präzisionsinstrumenten, Uhren und Chemie.

 

Mehr als Zoll: Dienstleistungen, Investitionen, Digitalhandel

Das neue Abkommen geht über klassische Zollfragen hinaus: erweiterte Regeln für Dienstleistungen und Investitionen, in einzelnen Branchen sogar die Möglichkeit der Einrichtung vollständig eigener Tochtergesellschaften vor Ort. Erstmals gibt es zudem ein eigenes Kapitel zum digitalen Handel mit elektronischen Dokumenten und papierlosen Prozessen. Ein moderner Marktzugang entscheidet sich eben längst nicht mehr allein an der Zollgrenze.

 

Die Kehrseite: Technische und regulatorische Hürden bleiben

Ein tieferer Zollsatz führt nicht automatisch zu den erwarteten Einsparungen. Das zeigt die Erfahrung mit dem bisherigen Abkommen deutlich: Erwartet wurden 290 Millionen Franken jährlich, real waren es 2017 nur rund 100 Millionen. Grund waren und sind es noch immer, die nichttarifären Handelshemmnisse: Produktzulassungen, Zertifizierungen, technische Normen, Prüfverfahren sowie Zoll- und Lizenzierungsanforderungen, die völlig unabhängig vom Zollsatz sind.

Das neue Abkommen modernisiert zwar Regeln zu Exportlizenzen, Ursprungsnachweisen, Zollverfahren und regulatorischer Zusammenarbeit. Das schafft mehr Transparenz und Rechtssicherheit, ist aber nicht gleichzusetzen mit weniger Bürokratie. Eine Lizenzanforderung, über die ein Unternehmen frühzeitig informiert wird, bleibt trotzdem eine Lizenzanforderung. Technische Zulassungen, chinesische Konformitätsprüfungen und branchenspezifische Zertifizierungen kosten weiterhin Zeit, Fachwissen und Ressourcen. Dies sind oft unterschätzte Faktoren bei der Kalkulation des tatsächlichen Nutzens einer Marktpräsenz.

 

Die geopolitische Dimension

Das Abkommen ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine geopolitische Weichenstellung. China ist nach EU und USA der drittwichtigste Handelspartner der Schweiz und eine Vertiefung der Beziehungen ist wirtschaftlich naheliegend. Das theoretisch riesige Marktvolumen mag der Logik bereits Genüge tun, wird aber noch wichtiger angesichts der Entwicklung und des Verhaltens der beiden anderen Partner.  Gleichzeitig verschärfen sich die Handelsbeziehungen zwischen China und der EU spürbar. Die Schweiz ist zwar nicht EU-Mitglied und verfolgt eine eigenständige Handelspolitik, ist aber wirtschaftlich sehr eng mit Europa verflochten. Das Abkommen lässt sich daher auch als Signal lesen: wirtschaftliche Diversifizierung in einem zunehmend fragmentierten und durch Politik stark bestimmten Welthandel.

Für Unternehmen bedeutet das konkret: ein differenziertes Risikomanagement ist gefragt – etwa mit Blick auf mögliche Exportkontrollen, sich wandelnde Beziehungen zwischen China, der EU und den USA, sowie eine wachsende regulatorische Komplexität, die über den reinen Marktzugang hinausgeht.

 

Nachhaltigkeit rückt in den Fokus

Das Abkommen enthält deutlich umfangreichere Bestimmungen zu Umwelt- und Arbeitsstandards, von Klimawandel und Kreislaufwirtschaft bis hin zu Zwangs- und Kinderarbeit. Bemerkenswert: Erstmals nimmt ein chinesisches Freihandelsabkommen Bezug auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und dies wiederum als Primeur mit der Schweiz! Für Lieferketten- und Compliance-Prozesse Schweizer Unternehmen ist dies ein relevanter Punkt und ein zusätzlicher Prüfungsaufwand bei Audits und Nachweispflichten.

 

Wer profitiert wirklich?

Die grössten Vorteile haben Unternehmen, die bereits über Erfahrung, Partner und Vertriebsstrukturen in China verfügen. Für sie kann der Wegfall von Zöllen unmittelbar wirtschaftlich spürbar werden, weil deren Produkte in China tendenziell günstiger werden.

Für ein KMU, das erstmals nach China expandieren möchte, sieht die Rechnung anders aus: Ein niedriger Zoll ersetzt weder Marktkenntnis noch den passenden Vertriebspartner, löst keine regulatorischen Fragen und schafft noch keinen Kundenzugang. Genau hier setzen wir an, insbesondere mit lokalen Teams vor Ort und über 30 Jahren Erfahrung in der Verbindung von Schweizer Unternehmen mit asiatischen Märkten.

 

Fazit: Eine echte Chance – aber kein Automatismus

Der nahezu vollständige zollfreie Marktzugang, bessere Bedingungen für Dienstleistungen und Investitionen sowie neue Regeln für den digitalen Handel schaffen interessante Perspektiven. Gleichzeitig bleiben technische Zulassungen, regulatorischer Aufwand und geopolitische Unsicherheiten reale Faktoren, die den tatsächlichen Nutzen stark mitbestimmen. Von einem wirtschaftlichen Durchbruch zu sprechen, wäre deshalb verfrüht. Auch muss das Abkommen erst unterzeichnet und ratifiziert werden. Entscheidend wird sein, wie die neuen Regeln in der Praxis real funktionieren werden.

Die zentrale Frage ist deshalb nicht: „Wie hoch ist der Zollsatz?“, sondern: „Wie gut kann mein Unternehmen den chinesischen Markt tatsächlich bearbeiten?“. Dies unter Einbezug möglicher technischer, regulatorischer und geopolitischer Hürden.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Ihre Produkte, Zollpositionen und Marktchancen auch unter regulatorischen Anforderungen aktiv zu prüfen. Gerne begleiten wir Sie dabei.

Autor und 3i Ansprechpartner

Karl Brander

e-Mail: [email protected]

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